Phase 1 — Grundstein
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Praxis-Übung PÜ-03 · LOGOS-Strang

Alltags-Dilemma

Wenn Werte sich widersprechen

⚒️ Kompetenz L4 + L5 4° Gewissensklausel Phase 1 → Phase 2
Einführung

Worum es geht

In PÜ-01 hast du gelernt, zwischen Werten, Normen, Tugenden und Tatsachen zu unterscheiden. In PÜ-02 hast du deine eigenen drei Werte benannt. Jetzt kommt der nächste Schritt — der unbequemere:

Was tust du, wenn zwei deiner Werte sich widersprechen?

Das ist kein theoretisches Problem. Es ist Alltag. Jeder Mensch, der ernsthaft nach Werten lebt, stösst früher oder später auf Situationen, in denen er nicht allen seinen Werten gleichzeitig gerecht werden kann. Dann muss er wählen — und diese Wahl zeigt, wer er wirklich ist.

Der 4° setzt Pflicht als oberstes Prinzip. Aber die Gewissensklausel sagt gleichzeitig: Kein Gehorsam gegen das eigene Gewissen. Was passiert, wenn Pflicht und Gewissen kollidieren? Das ist ein Dilemma — und genau darum geht es hier.

Situation 1

Verschwiegenheit vs. Gerechtigkeit

Ein Bruder erzählt dir im Vertrauen, dass er in seinem Unternehmen eine fragwürdige Praxis duldet — nicht illegal, aber ethisch grenzwertig. Kunden werden nicht offen informiert. Er weiss, dass es nicht richtig ist, aber er braucht den Job. Er bittet dich, niemandem davon zu erzählen.

Du hast einem Kunden dieses Unternehmens versprochen, ihn bei einem Geschäft zu beraten — ehrlich und vollständig.

Die Frage: Was wiegt schwerer — deine Verschwiegenheit gegenüber dem Bruder oder deine Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden?

Situation 2

Loyalität vs. Wahrhaftigkeit

In einer Logenversammlung kritisiert ein langjähriges Mitglied die Arbeit eines jüngeren Bruders — unfair und vor versammelter Mannschaft. Der jüngere Bruder ist sichtlich verletzt. Nach der Versammlung fragt dich der ältere Bruder, ob du seine Kritik für berechtigt hältst. Du findest sie nicht berechtigt — aber der ältere Bruder ist dein Mentor und hat viel für dich getan.

Die Frage: Sagst du ihm die Wahrheit und riskierst die Beziehung? Oder stimmst du zu und verrätst damit, was du wirklich denkst?

Situation 3

Fürsorge vs. Autonomie

Ein guter Freund und Bruder zeigt seit Monaten Anzeichen von Erschöpfung. Er zieht sich zurück, erscheint nicht mehr zu Anlässen, reagiert gereizt. Du bist besorgt. Aber er hat dir klar gesagt: «Mir geht es gut. Ich brauche nur Ruhe. Lass mich in Frieden.»

Die Frage: Respektierst du seinen Wunsch nach Autonomie? Oder greifst du ein, weil du Fürsorge für wichtiger hältst — auch gegen seinen erklärten Willen?

Analyse

Vier Fragen

Beantworte für dein gewähltes Dilemma die folgenden vier Fragen. Keine davon hat eine richtige Antwort — aber alle verlangen Ehrlichkeit.

  • Welche zwei Werte stehen im Konflikt? Benenne sie konkret.
  • Was würdest du tun — und warum? Nicht was du tun solltest. Was du tatsächlich tun würdest.
  • Welchen Wert opferst du — und was kostet das? Jede Entscheidung in einem echten Dilemma hat einen Preis.
  • Was sagt das über deine Werthierarchie? Passt deine Entscheidung zu deinen drei Werten aus PÜ-02?
Optional — Lernpfad B

Der Kohlberg-Check

Erinnere dich an Kohlbergs drei Stufen aus PI-01:

1
Stufe 1: Vermeidung

Ich handle so, weil ich Strafe oder Nachteile vermeide.

2
Stufe 2: Gruppe

Ich handle so, weil meine Gruppe das erwartet.

3
Stufe 3: Gewissen

Ich handle so, weil ich es nach eigener Prüfung für richtig halte.

Auf welcher Stufe liegt deine Begründung in Frage 2? Sei schonungslos ehrlich. Es ist keine Schande, auf Stufe 1 oder 2 zu antworten — aber es ist eine, es nicht zu merken.

Was kommt danach

Diese Übung und die Zukunft

Phase 1 hat dir Werkzeuge gegeben: Du kannst Werte unterscheiden (PÜ-01), deine eigenen benennen (PÜ-02), und jetzt weisst du, dass sie nicht widerspruchsfrei sind (PÜ-03). Das ist der Punkt, an dem Phase 1 endet — und Phase 2 beginnt.

↗ Der offene Faden F1.4

«Die Zwischengrade sprechen von Tugend — aber was geschieht, wenn Tugend nicht reicht?» Dein Dilemma ist genau dieser Moment. Du hattest Werte. Du hattest Tugend. Und trotzdem konntest du nicht beiden gerecht werden. Der 9° wird dir zeigen, was dann passiert — wenn Tugend in Handlung umschlagen muss, auch wenn es weh tut.

Abgabe: Teile A und B als Kurztext (ca. 1/2–1 Seite) über WIX Forms (Textfeld oder PDF-Upload) bis zur nächsten Konferenz. Teil C ist freiwillig.

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